Sprachen

Sprachen lernen – intuitiv und gehirn-gerecht

Oft sieht oder liest man, dass mit „erprobten Methoden“ geworben wird. Und dennoch müssen oft bei vielen dieser Methoden Vokabeln und Grammatik in konservativer Art und Weise gepaukt werden. Wozu? Gibt uns die Natur nicht schon das richtige Rüstzeug für das Erlernen von Fremdsprachen mit?

Zunächst einmal sollte man verstehen, warum Menschen oft gehemmt sind, wenn es um den Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen geht. Stichwort: Schulunterricht und seine der Natur entgegenwirkenden Methoden. Ach, wie musste man in der Schule das eigene Gehirn überstrapazieren durch das Einhämmern von endlosen Vokabellisten und undurchschaubar anmutenden Grammatiken. Das sind Methoden, die im Mittelalter ihren Ursprung haben.

Ich möchte euch jedoch hier eine Methode vorstellen, mit der ihr intuitiv und manchmal auch spielerisch Fremdsprachen jeglicher Art lernen könnt. Die Rede ist von der Birkenbihl-Methode, mit der ich seit einigen Jahren Fremdsprachen lerne.

Zur Birkenbihl-Methode und wie sie funktioniert

Namensgeberin dieser Methode ist/war Vera F. Birkenbihl (1946-2011). Sie war Managementtrainerin und Sachbuchautorin und proklamierte den Begriff „gehirn-gerecht“ (engl. brain-friendly). Auf Grundlage des gehirn-gerechten Lernens entwickelte sie eine Methode, um Fremdsprachen zu erlernen und intuitiv wie eine Mutterschprache zu verwenden.

Was benötigt man, bevor es losgehen kann?

Zunächst muss ein Interesse dasein, diese oder jene Fremdsprache zu lernen. Zweitens benötigt man einen Text in der Fremdsprache in gedruckter/geschriebener oder in digitaler Form sowie in gesprochener Form (CD, mp3, etc.). Für Sprachen mit lateinischer Schrift genügt die gedruckte oder geschriebene Form. Für Sprachen mit nicht-lateinischer Schrift empfehle ich die digitale Textform. Am besten eignen sich für den Anfang Lehrbücher.

Diese Lehrbücher sollten folgendes enthalten:

  1. Texte (geschrieben, gedruckt oder digital)
  2. Audioaufnahmen dieser Texte (CD, mp3, etc.)
  3. ggf. Wortlisten

Haben wir alles beisammen? Dann kann es losgehen!

Die Methode von Vera F. Birkenbihl gliedert sich in vier Phasen.

1. Phase: De-Kodierung

In der ersten Phase wird der zielsprachliche Text ins Deutsche de-kodiert und zwar Wort für Wort. Hierfür eignen sich Wortlisten im Lehrbuch, falls ihr ein solches verwendet. Ihr könnt auch die Wörter per Wörterbuch übersetzen. Die deutsche Übersetzung wird unter den Text geschrieben. Beispiel:

Englisch: What’s up?
Deutsch: Was ist auf?

Es geht nicht darum, eine gute Übersetzung zu machen, sondern die Fremdsprache so zu übersetzen, wie sie geschrieben und gesprochen wird mit all ihren grammatikalischen Besonderheiten.

Weiteres Beispiel:

Englisch: An old man and a young woman.
Deutsch: ein alt Mann und ein jung Frau.

Man beachte, dass jedes Wort für sich übersetzt wird. Grammatikalische Besonderheiten werden dadurch schon ersichtlich. Das Gehirn ist fähig zur Abstraktion solcher Besonderheiten. Dem Gehirn gibt man damit die Möglichkeit, sich auf die Grammatik der fremden Sprache mit vertrauten Mustern einzulassen.

2. Phase: Aktives Hören

Beim aktiven Hören wird der fremdsprachliche Text ausgeblendet und man liest den deutschen de-kodierten Text, während man dem Audio-Text (CD, mp3, etc.) folgt. Den Text hört man sich Wört für Wort an und liest den deutschen Text. Dies macht man so lange, bis sich jedes Wort verstanden wird.

Das Gehirn verknüpft mit dem fremden Wort ein Synonym. Es nimmt den Sinn und die Ausprache des fremden Wortes auf und baut damit ein passiven Wortschatz auf, ähnlich wie wir unsere Muttersprache gelernt haben. Wir wussten, dass mit dem Wort „Ball“ der runde hüpfende Gegenstand gemeint war, bevor wir das Wort „Ball“ überhaupt ausprechen konnten. So ähnlich arbeiten das Gehirn in dieser zweiten Phase.

3. Phase: Passives Hören

Wenn man dann alle Wörter versteht erfolgt die dritte Phase. In der dritten Phase geht es darum, die eben geknüpften Nervenbahnen im Gehirn zu festigen. Man hört nur noch den fremdsprachlichen Audio-Text leise im Hintergrund, während man andere Tätigkeiten (Fernsehen, Kochen, Studieren, etc.) vollzieht.

Man gibt in dieser Phase das gesamte Fremdsprachenlernen an das Unterbewusstsein ab und lässt es für einen arbeiten. Man macht sich vollkommen mit der fremden Sprache vertraut. Man schickt quasi das Unterbewusstsein ins Ausland. Am Ende der dritten Phase versteht man alles im fremdsprachlichen Text. Wem es nur um das Hörverstehen geht, der kann nach der dritten Phase bei anderen Texten abbrechen.

4. Phase: Aktivitäten

Wem es allerdings um weit mehr als um das Hörverstehen geht, dem schließt sich die vierte Phase an. Hier geht es um alle Aktivitäten, die man selbst mit der Fremdsprache machen möchte.

Erst jetzt beginnt das Sprechen, wenn man die Fremdsprache sprechen möchte.

Erst jetzt beginnt das Lesen, wenn man die Fremdsprache lesen möchte.

Erst jetzt beginnt das Schrieben, wenn man die Fremdsprache schreiben möchte.

Nachteile dieser Methode:

  1. Am Anfang ist es sehr mühselig alles zu de-kodieren.
  2. Diese Methode ist kaum geeignet, um kurz vor Sprachprüfungen zu lernen.

Vorteile dieser Methode:

  1. Vokabel-Pauken, Adé! Begriffe werden intuitiv aufgenommen wie bei der eigenen Muttersprache.
  2. Die Lerngeschwindigkeit nimmt nach einiger Zeit expoentiell zu.
  3. Begriffe bleiben langfristiger erhalten, wenn nicht gar für immer.
  4. De-Kodieren kann als Alzheimer-Prophylaxe dienen, da immer neue Begriffe hinzukommen.
  5. Es wird leichter, in der Fremdsprache zu denken.
  6. Die Angst vor dem Verstehen und Sprechen kann genommen werden.

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